„Wenn wir dazu schweigen, verraten wir unseren Auftrag“

 

31, August 2018

Von Annette Kurschus

So klar und eindeutig wie kaum eine andere Kirche in den USA steht die United Church of Christ für die politische Kraft des Evangeliums. Präsident Dr. John Dorhauer hat uns davon heute eindrücklich erzählt. Während der zwei Tage in der UCC-Zentrale in Cleveland/Ohio haben wir jede Menge erfahren, manches neu verstehen gelernt, beeindruckende Männer und Frauen getroffen, diskutiert, gefragt und Antworten versucht.

Kirche als Einheit in Vielfalt: In der UCC mit ihren ganz verschiedenen Traditionen ist dieses Prinzip beispielhaft verwirklicht. Eine Kirche, in der alle, wirklich alle, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, sozialem Status oder sexueller Orientierung willkommen sind, ist in diesem Land sonst kaum zu finden.

Diese grundsätzliche Offenheit, so berichtet uns John Dorhauer, gehört schon lange zu den Grundlagen der UCC. Seit der jetzige US-Präsident im Amt ist, sind die Bedingungen, solche Offenheit zu leben, deutlich verschärft und erschwert. Trump hat die Überlegenheit der Weißen zum Staatsziel erhoben. Umso dringlicher sieht sich diese Kirche in ihrer klaren Haltung gefordert und herausgefordert. „Wenn wir dazu schweigen, verraten wir unseren christlichen Auftrag“, heißt das für Pastor Dorhauer. Er sagt es unverblümt: Trump zerstört die Grundlagen der amerikanischen Kultur. Er gefährdet die historischen Allianzen, mit denen dieses Land lange gut gefahren ist, und stößt bewährte Partner vor den Kopf. Er sorgt für ein Rollback, was die Anerkennung und die Rechte homosexueller Menschen angeht. Die UCC ist eine der wenigen Kirchen im Land, die hier deutlich widerspricht.

Fast jeden Tag sieht man sich im Headquarter in Cleveland dazu herausgefordert. Fast jeden Tag passiert etwas, was im Namen des Evangeliums nicht unwidersprochen bleiben darf. John Dorhauer nennt zwei aktuelle Beispiele. Trump hat dazu aufgerufen, die Chefs der beiden großen Nachrichtensender CNN und NBC zu entlassen, weil ihm deren kritische Berichterstattung nicht passt – ein übler Eingriff in die Pressefreiheit. Zweitens: Der Präsident plant, allen Personen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, die in der Nähe der mexikanischen Grenze wohnen und einen spanischen Namen haben.

Trumps Anhänger und Gegner stehen einander unversöhnlich gegenüber. Unter dieser Spaltung leiden auch die Gemeinden der UCC. Und ihre Pastoren. Jede Äußerung, jede Predigt wird unwillkürlich nur in eine Richtung verstanden. Selbst eine Predigt über die Nächstenliebe steht sofort im Verdacht der politischen Propaganda.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

heißt es in dem Gedicht „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht. Daran fühle ich mich hier erinnert.

Wer, wie ich, zum ersten Mal die USA und die United Church of Christ besucht, kann die Erfahrung machen, dass die realen Eindrücke und Begegnungen manche Vor-Urteile zurechtrücken.

Mit großem Respekt konnten wir wahrnehmen, wie beharrlich und zugleich souverän unsere Partnerkirche unter diesen schweren Bedingungen handelt. Sie steht vor Herausforderungen, die in ihren Dimensionen kaum zu vergleichen sind mit dem, was uns in Westfalen beschäftigt. Eine kleine und finanziell schwache Kirche erhebt hier im Konzert der unversöhnlichen Machtgruppen eine unverwechselbare Stimme. Die UCC ist uns in manchem wohl weit voraus. Was uns verbindet: Wir vertrauen darauf und stehen dafür ein, dass diese Welt nicht jenen Mächten ausgeliefert ist, die Hass schüren und Menschen ausgrenzen. So versuchen wir – je an unserem Ort – zu sein, was wir in Jesu Augen sind: Salz der Erde und Licht der Welt.

 

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