Was Juden und Christen verbindet

  1. August 2018

Von Christa Kronshage

Die Bilderbücher von Rabbi Sandy Eisenberg Sasso kenne und liebe ich schon lange. Biblische Themen wie die Schöpfungsgeschichte, einfach, leicht und poetisch erzählt – meinen eigenen Kindern und den Kindern in der Kirchengemeinde habe ich früher daraus vorgelesen. Ich war freudig überrascht, als ich Sandy persönlich kennenlernte.

Wir besuchen das jüdische Gemeindezentrum Beth-El Zedeck in Indiana. Keine Polizei vor dem Gebäude, keine Sicherheitskontrollen. Das macht uns deutlich, wie beschämend es ist, dass solche Vorkehrungen in Deutschland immer noch notwendig sind.

Rabbi Dennis Sasso begrüßt uns, erklärt uns kenntnisreich die Geschichte der Zuwanderung europäischer Juden nach Amerika. Als er über sein theologisches Selbstverständnis spricht, fühle ich mich mit ihm sehr verbunden. Die Heilige Schrift interpretiert sich von Anfang an selber, sagt er. Und wir müssen sie immer wieder neu interpretieren, in unsere Zeit hinein. Ein Text, der nicht verschieden verstanden werden darf, ist ein toter Text, sagt Rabbi Dennis. Es gibt eine jüdische Tradition, nach der Thora und Talmud als unmittelbar gottgegeben wörtlich genommen werden. Der Rabbi berichtet von „thoratreuen Juden“, so nennen sie sich selber. Das erinnert mich an „bibeltreue Christen“, die die Bibel ebenfalls wörtlich nehmen. Nach Martin Buber, dem jüdischen Religionsphilosophen, gibt es letztlich zwei Weisen, mit der Bibel umzugehen: Entweder man nimmt sie wörtlich – oder man nimmt sie ernst.

Etwa 800 Familien, rund 3.000 Personen, gehören zu dieser Synagogengemeinde. Männer und Frauen sitzen gemeinsam im Gottesdienst. Wir kommen an Gruppenräumen vorbei, wo Kinder Hebräisch lernen. In einem anderen Raum wird ein junges Mädchen auf die Bat Mizwa vorbereitet, die Feier, die – vergleichbar mit der Konfirmation – die Schwelle zum Erwachsenwerden markiert. Die Gemeinde betreibt auch einen Kindergarten und ein Altenheim.

In der Synagoge öffnet Rabbi Dennis den Thoraschrein und entnimmt ihm eine Schriftrolle. Das 5. Buch Mose, das Deuteronomium, haben die Mitglieder der Gemeinde selber geschrieben. Auch die Kinder waren daran beteiligt, den Kleinen wurde dazu die Hand geführt.

Sandy Eisenberg Sasso, die Frau von Dennis Sasso, hat auch Gleichnisse des Neuen Testaments aufgegriffen: In einem ihrer Bilderbücher geht es um den verlorenen Groschen, das verlorene Schaf, den verlorenen Sohn.

Die Begegnung in der Synagoge Beth-El Zedeck hat gezeigt, wie fruchtbar interreligiöser Dialog sein kann.

1 thought on “Was Juden und Christen verbindet”

  1. Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag! Er ist zugleich persönlich als auch von allgemeiner Tragkraft und dazu noch schön geschrieben…

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