Zwei Meilen mitgehen

Mittwoch, 29. August

Von Anne Rabenschlag

„Wenn dich jemand bittet, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Das Kinderheim Crossroads in Fort Wayne versteht sich als „Two Miles Agency“, als Einrichtung, die ihre Schutzbefohlenen zwei Meilen oder mehr begleitet. Hier leben Kinder, die solche Begleitung dringend brauchen. Sie leiden an schweren psychischen Krankheiten, sind verhaltensauffällig, verletzen sich selber, manche sind lernbehindert. Fast drei Viertel kommen aus armen Verhältnissen, zerrütteten Familien, schwierigen sozialen Situationen. Alkohol, Drogen, Gewalt, Kriminalität, sexuelle Übergriffe. Das übergeordnete Ziel, diese Kinder wieder in ihre Familien zurückzuführen, lässt sich in vielen Fällen nicht erreichen. 30 der 44 Kinder auf dem Campus sind geschlossen untergebracht.

Sie kommen von anderen Hilfsorganisationen, die Kinder kurzfristig aufnehmen, wenn sie in der Familie vernachlässigt oder misshandelt werden. Manche sind straffällig geworden und werden von den Gerichten hierher eingewiesen. Andere kommen direkt aus den Familien.

Es ist gut, dass diese Familien hier in die therapeutische Arbeit einbezogen werden. Denn meistens sind die Kinder die Symptomträger der Probleme, unter denen ihre Eltern leiden. Gut ist auch, dass die Schule in Crossroad zugleich von Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft besucht wird, die auch Förderbedarf haben. „Sie könnten diese externen Schüler nicht von ‚unseren‘ unterscheiden“, meint Direktor Randall Rider. Zusammen mit Kyle Zanker, die für die Organisationsentwicklung verantwortlich ist, führt er uns über den Campus. Die beiden strahlen Engagement und Kompetenz aus. Einen ernüchternden Kontrast dazu bildet das Ambiente der Raume im Schulgebäude: schmucklose, kahle Räume, keine Bilder an den den Wänden, die davon zeugen würden, dass Kinder hier in ihrer Entwicklung gefördert werden. Und es bleiben Fragen: Wer entscheidet am Ende über die geschlossene Unterbringung? Das ist nicht ganz klar, offenbar sind es die Therapeuten der Einrichtung oder auch kooperierender Träger. Zwar bleiben die Kinder prinzipiell unter der Obhut des Staates, der ja auch für ihre Betreuung bezahlt. 320 Dollar beträgt der Tagessatz für ein Kind in der geschlossenen Unterbringung, 195 Dollar in der offenen. Doch hier zeigt sich, wie verschieden die Sozialsysteme in den USA und in Deutschland sind: Bei uns hat jedes Kind Anspruch auf gesetzlichen Schutz. Nur durch einen richterlichen Beschluss darf es in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen werden. Der amerikanische Staat ist zwar im Prinzip auch zuständig, in der Praxis ist seine Verantwortung jedoch nicht konsequent umgesetzt.

Um so höher ist das Engagement der Verantwortlichen in Crossroad zu schätzen.

 

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